„Deutschland ist ein Wohlfahrtsstaat – für die höheren Einkommensgruppen“

Die enorme Vermögensungleichheit in Deutschland hat viele Gründe. Zentral ist aber, dass wohlhabendere Haushalte generell mehr von der Steuergesetzgebung profitieren als ärmere.

Ärmere investieren in Gebrauchsgegenstände. (Foto: Tobias Hase/dpa)

Deutschland hat eine der ungleichsten Vermögensverteilungen aller fortgeschrittenen Industrieländer. Ein Prozent der Haushalte besitzt einen Drittel, die wohlhabendsten 10 Prozent rund drei Viertel des gesamten Haushaltvermögens der Bevölkerung. Eine Hälfte hat umgekehrt praktisch keine Vermögen. Deutschland ist damit weit vom normalen Bild der europäischen Länder oder der fortgeschrittenen Industrieländer weltweit entfernt, praktisch nur noch in den USA gibt es eine solch ungleiche Vermögensverteilung wie hierzulande.

In der Literatur, die sich mit diesem auf den ersten Blick erstaunlichen Ergebnis beschäftigt, gibt es zwei dominante Erklärungsansätze. Der eine Ansatz, vom Deutschen Institut für Wirtschaft (DIW) und Autoren der Hans-Böckler Stiftung in verschiedenen Publikationen vorgetragen, erklärt dies mit gewachsenen und weiter wachsenden Unterschieden der Einkommensverteilung spezifisch in Deutschland.

Der andere Ansatz, vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IDW), interpretiert die Vermögenskonzentration als Folge eines wohlfahrtsstaatlichen Modells, dem Deutschland zugehörig sei. Deutschland habe wie die skandinavischen Länder eine sehr hohe Quote von Sozialabgaben und Steuern, welche im Alter wie bei Krankheit für einen guten Schutz sorge und quasi das private Sparen überflüssig mache oder, negative Anreize nicht zu vergessen, sogar verhindere.

Beide Ansätze sind im Detail noch zu diskutieren. An dieser Stelle sollen nur einige Illustrationen gemacht werden, welche die Grundideen hinter diesen respektiven Erklärungsansätzen verdeutlichen.

Einfach ist dies im Fall der Hypothese der ungleichen Einkommensverteilung. Die folgende Graphik zeigt die offizielle Entwicklung der Reallöhne in Deutschland von 1991 bis 2018. Was sofort auffällt, ist die lange Stagnation seit den frühen 1990er Jahren. Vorher wuchsen die Reallöhne kräftig, insbesondere bis zu Beginn der 1980er Jahre. Im Vergleich mit den Zuwächsen der gesamtwirtschaftlichen Produktivität (einfache Messung ohne Faktor-Attribution) haben die Reallöhne seit 1992 keinerlei Anteil gehabt. Seither sind die Produktivität und das Bruttoinlandsprodukt durchaus anständig gewachsen, ohne dass die große Maße der Erwerbstätigen irgendetwas davon gehabt hätte – nämlich die Arbeitnehmer oder Lohn- und Salärbezüger.

Solche gesamtwirtschaftlichen Reallöhne verdecken darüber hinaus die Tatsache, dass es durchaus bedeutende Unterschiede zwischen Branchen, Regionen und Arbeitsformen (Festanstellung, Zeitarbeiter, Arbeiter auf Abruf, Teilzeit, Beamte) gegeben hat. Arbeitnehmer, insbesondere in den Boombranchen der Exportindustrie, haben durchaus profitiert, während umgekehrt andere bös untendurch mussten.

Deutschland: Reallohn-Entwicklung 1991- 2018

Quelle: Destatis

Die Interpretation dieser Graphik ist relativ leicht: Die Reallöhne haben, vom Anstieg in den letzten Jahren abgesehen, lange Zeit stagniert, das BIP ist dabei um über einen Drittel gewachsen. So ist es zu einer starken Umschichtung oder Umverteilung der Einkommen von den Löhnen der Arbeitnehmer zu Selbständigen-, Unternehmer- und Kapitaleinkommen gekommen. Dies hat als sekundäre Konsequenz natürlich auch eine entsprechende Vermögenskonzentration bei den Besitzenden.

Die zweite These geht von einem internationalen Vergleich aus. Deutschland gehört in dieser Interpretation zu einer Gruppe wie die skandinavischen Länder oder wie Österreich, welche durch sehr hohe Abzüge für Sozialleistungen und Steuern von den Bruttoverdiensten charakterisiert wird. Die netto verfügbaren Einkommen der Haushalte reichen deshalb nicht aus, zusätzlich individuell Vermögen zu bilden. Sie reduzieren die Möglichkeit und enthalten auch weniger Anreize, selber Vermögen zu bilden. Umgekehrt sollen diese Länder als Gemeinsamkeit einen gut ausgebauten Sozialstandard und erheblich höhere sozialstaatliche Leistungen aufweisen als etwa die angelsächsischen Länder oder die lateinischen Länder in Südeuropa. Deutschland wird in dieser Interpretation zu einer Gruppe von Staaten mit einem ausgeprägten staatlichen Wohlfahrtssystem hingestellt.

Wir wollen diese Interpretationen an dieser Stelle nicht individuell kommentieren. In unserer Artikelserie werden sie als partiell richtig, aber als unzureichend qualifiziert werden, aber erst noch nach erheblichen Modifikationen. Beide Interpretationen erscheinen auf den ersten Blick als antagonistisch, aber sie haben eine Gemeinsamkeit: Beide gehen im Wesentlichen von den laufenden Einkommen als zentralem Bestimmungsfaktor der Vermögensunterschiede aus.

Notwendig ist deshalb ein dritter Erklärungsansatz, der die beiden Standardansätze ergänzt. An dieser Stelle kann ich nicht ausschließen, dass es auch andere Interpretationsansätze in der existierenden Literatur gibt. In der kurzen Frist der Durchsicht habe ich sie aber nicht prominent vorgefunden.

Dieser dritte Effekt geht nicht wie die beiden ersten nur von laufenden Einkommen, sondern von den Vermögen und Schulden sowie von den Ausgaben der Haushalte aus. Es werden also zusätzliche Bestandes- und Fluß-Größen berücksichtigt. Diese Variablen sind sehr stark von der Wirtschaftspolitik beeinflusst.

Die Effekte der EZB-Geldpolitik einerseits und der Finanzpolitik in einem breit definierten Sinne sowie der Strukturpolitik und die Konstruktion und Regulierung des Systems der Altersvorsorge in Deutschland üben eine enorme Hebelwirkung auf die Vermögen und Schulden wie indirekt auf die Ausgaben der Haushalte aus. Sie vor allem sorgen für eine Disparität, die über die Zeit hinweg anwächst. Sie sind schon lange virulent wirksam und ergänzen die beiden anderen. Dieser dritte Faktor aber ist in den 2010er Jahren absolut dominant geworden, vor allem durch die Nullzinspolitik und die präzedenzlosen Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank.

Diese Effekte gehen auch nicht allein und direkt auf die Haushaltsvermögen und -schulden aus, sondern schließen die Finanzinstitutionen wie Banken, Lebensversicherungen oder Pensionsfonds und deren Verhalten und Regulierung ein. Viele dieser Effekte ergeben sich als Ergebnis eines komplexen Prozesses und einer Regulierung, die in der Politik und der Öffentlichkeit unverstanden erscheinen. Auch die Ausgaben der Haushalte sind von spezifischen Märkten und der Besteuerung verschiedener Akteure maßgeblich beeinflusst. Prominent erscheinen der Wohnungs- und Immobilienmarkt sowie der Automarkt.

Die komplexen und vielfältigen Effekte sorgen sogar für die wohl größte Vermögensumverteilung der Nachkriegszeit, und laufen still und von der Öffentlichkeit nicht so wahrgenommen ab. In den publizierten Daten, die immer mit erheblicher zeitlicher Verzögerung aufbereitet und analysiert werden, sind diese Effekte noch nicht sichtbar. Diese Effekte beeinflussen nicht nur die unmittelbare Gegenwart, sondern werden die Zukunft der deutschen Wirtschaft und Gesellschaft weit in die Zukunft prägen und die Individuen und ganze Bevölkerungsgruppen Deutschlands vor ungekannte Herausforderungen stellen.

Die zentrale Behauptung ist also, dass die diagnostizierte und unbestrittene Vermögensdisparität mitentsteht und verschärft wird, weil die Vermögenskomponenten der Haushalte zwischen Habenichtsen und den sehr wohlhabenden Haushalten sich über die Zeit entgegengesetzt entwickeln. Die individuell sehr geringen, aber in der Aggregation ganz erheblichen Vermögen der Haushalte in der unteren Hälfte werden laufend zerstört oder fallen im Wert, während die Vermögen der sehr wohlhabenden (oberste 10 Prozent) und erst recht der reichen Haushalte (oberstes Prozent) laufend ansteigen. Das ist teilweise in der Natur der Sache oder der Art des Vermögens begründet. Doch Steuereffekte verhindern zu einem erheblichen Teil solche Verluste bei den Besitzenden. Darüber hinaus erfolgt dieser Anstieg der Vermögen der oberen Zehntausend teilweise, gerade weil die Vermögen der übrigen Haushalte, besonders in der unteren Hälfte der Vermögen, komprimiert werden. Und umgekehrt werden diese Vermögen komprimiert, weil die Vermögen der Besitzenden ansteigen, ein sich selbst verstärkender Prozess.

Lassen Sie mich mit Aktiven beginnen, die für viele Haushalte eine wichtige Vermögensform darstellen. Gebrauchsvermögen wie Autos, Wohnungs-Einrichtungen oder Elektronik-Geräte. Ihr primärer Zweck ist die tägliche oder häufige Nutzung oder der Gebrauch, nicht der Werterhalt oder die Wertsteigerung. Bei dieser Vermögensform entsteht der Wertverlust gerade aus ihrer primären Funktion. Darüber hinaus gibt es verdeckt auch Umverteilungseffekte.

Diese Formen von Vermögen unterliegen einem raschen Wertverlust über die Zeit hinweg. Neuwagen verlieren rasch 30-50 % des Anschaffungspreises in den ersten 2-4 Jahren, und sind nach 10 Jahren praktisch wertlos. Bei Fernsehern, Computern, Smartphones, Tablets ist der Wertverlust noch höher. Das heißt nichts anderes, als dass die hauptsächlichen Vermögensformen der unteren Hälfte der Haushalte von der Sache her immense Wertverluste generieren. Das machen sie natürlich ebenso bei der oberen Hälfte der Haushalte, bei den 10 Prozent oder 1 Prozent wohlhabendsten Haushalten – oder eben nicht. Auf jeden Fall repräsentiert dort das Gebrauchsvermögen einen prozentual viel kleineren Teil des totalen Vermögens, so dass der Wertverlust nur einen geringen Teil des Vermögens betrifft. Bei den wohlhabenden Haushalten mag es sogar herhalten, dass Anschaffungen wie für Kunstgegenstände über die Zeit hinweg sogar Wertzuwächse generieren.

Einige quantitative Angaben aus den Daten der Bundesbank mögen die Größenordnungen verdeutlichen. Die Bundesbank weist aus, dass drei Viertel und mehr aller Haushalte Fahrzeuge besitzen. Dies gilt für alle Vermögensklassen und für fast alle Einkommensklassen außer für die untersten 20 Prozent der Haushalte. Für viele untere und mittlere Vermögen ist der Autobesitz die wichtigste oder eine sehr wichtige Vermögenskategorie.

Interessant ist, dass die obersten Einkommens- und Vermögensklassen absolut gesehen gar nicht so viel höhere Vermögen in Fahrzeugform halten als kleine oder mittlere Vermögen. So hatten die obersten 10% aller Vermögen (Einkommen) für das Jahr 2014 im Median gerade mal ein Vermögen von EUR 18’400 (EUR 15’000) in Fahrzeugform. Wenig angesichts der Tatsache, dass diese Haushalte zumeist deutsche Premium-Fahrzeuge neuester Generation und Technologie verwenden, gerne auch als Statussymbol. Der Grund ist einfach. Diese Fahrzeuge werden zumeist vom Arbeitgeber als Dienstfahrzeuge getarnt als Lohnbestandteil finanziert. Sie können in der Praxis auch für private Zwecke benutzt werden. Effektiv entspricht dies einer steuerlichen Subventionierung des Fahrzeugkonsums und darüber hinaus des Neuwagenabsatzes für Premium-Fahrzeuge primär deutscher Herkunft.

Die Kosten und Gewinne sind evident. Das Unternehmen oder Arbeitgeber kann im Flottenleasing diese Fahrzeuge mit erheblichen Rabatten billiger als Einzelfahrzeuge offerieren. Darüber hinaus kann das Unternehmen die Mehrwertsteuer von 19 Prozent im Vorsteuerabzug zurückfordern, weil die Nutzung der Fahrzeuge für Dienstzwecke einen Kostenfaktor darstellen. Die gesteigerten Kosten reduzieren auch die Bilanzgewinne bzw. Unternehmenssteuern und die Einkommenssteuern bei Selbständigen. Bei mittleren Einkommen kann das Unternehmen zusätzlich bis zu einer Obergrenze Sozialversicherungsbeiträge einsparen.

Zum Vergleich: Der private Autokäufer zahlt nicht nur höhere Einstandspreise, weil er keinen Flottenrabatt erhält. Er muss darüber hinaus die Mehrwertsteuer von 19 Prozent bezahlen, gleich ob für einen Neu- oder Gebrauchtwagen. Darüber hinaus trägt er angesichts kurzer Garantiezeiten das Risiko kostspieliger Reparaturen und auch die Brennstoffkosten. Bei vielen leitenden Angestellten sind alle Fahrzeugkosten sowie die Firmentank-Karte auch für den privaten Bereich inklusive. Deshalb drängen im Übrigen die Unternehmen zumeist darauf, im Flottenleasing Dieselfahrzeuge zu ordern.

Die leitenden Angestellten, Kader, Selbständigen, Außendienstler im Service oder Vertrieb und immer mehr auch besser qualifizierte normale Arbeitnehmer haben einen substantiellen geldwerten Vorteil aus dieser Form der Steueranreize. Sie können im Prinzip bei der Einkommenssteuer zwischen zwei Berechnungsweisen wählen, dem Fahrtenbuch und der Pauschale. Beim Fahrtenbuch müssen sie für jede Einzelfahrt penibel Datum, Zeit, Abfahrts- und Zielort, Distanz, Zweck erfassen. Dies lohnt sich nur bei geringem Einsatz für private Zwecke. Sonst kommt die Pauschale zur Anwendung. Diese wird nach gegenwärtiger Praxis so berechnet, dass das Finanzamt zunächst monatlich 1 Prozent des Listenkaufpreises für ein Fahrzeug als geldwerten Vorteil unterstellt. Bei einem BMW für 50’000 Euro entspricht dies also einem jährlichen geldwerten Vorteil von 6’000 Euro (12 mal 500 EUR). Zusätzlich muss monatlich für jeden Kilometer zwischen Wohn- und Arbeitsort 0.03 Prozent des Listen-Kaufpreises entrichtet werden. Bei einer Distanz von 20 km (ein Weg) sind das also 0.03 % von 50’000 Euro mal 40 km = 600 EUR, oder jährlich 7’200 EUR. Der geldwerte Vorteil in der Steuererklärung beträgt total somit EUR 13’200 (EUR 6’000 + 7’200), der als zusätzliches Einkommen zu versteuern ist. Bei einem Steuersatz von einem Drittel muss ein solcher Halter also 4’400 Euro zusätzliche Steuern entrichten. Das klingt zunächst nach viel, ist aber im Vergleich zu den effektiven Kosten von rund 12-15’000 jährlich für ein solches Fahrzeug ein Schnäppchen.

Das Finanzamt guckt in die Röhre, denn bei zusätzlich ausbezahltem statt über das Firmenleasing bezogenem Salär wären bei einem Privatkauf neben den fast 10’000 Euro Mehrwertsteuer noch zusätzliche Einkommensteuern auf die zusätzlich bezogenen 4’400 Euro fällig, zudem noch Gewinnsteuern der Unternehmen plus eventuell die entgangen Sozialversicherungsbeiträge von 19.6 Prozent auf das erhöhte Salär. Insgesamt ist die Regelung eine jährliche staatliche Subventionierung des Neuwagenverkaufs für Premium-Automobile in zweistelliger Milliardenhöhe.

Die Formulierung Neuwagen-Verkauf wurde bewusst gewählt, denn der Listenpreis, der zur Anwendung gelangt, ist in jedem Fall ein Neuwagen-Listenpreis, selbst wenn ein viel billigeres Gebraucht-Fahrzeug in Anspruch genommen würde. Deshalb haben die Begünstigten überhaupt keinen Anreiz, möglichst günstige Lösungen vorzunehmen. Bei einem S-Klasse Mercedes von EUR 120’000 für ein Vorstandsmitglied oder bei einem Porsche für den Selbständigen reden wir noch über ganz andere Summen, auf die der Steuerzahler verzichtet.

Das Flottenleasing im Neuwagen-Verkauf ist keine deutsche Spezialität. Im internationalen Vergleich ist aber die deutsche Praxis einzigartig. Sie kennt überhaupt keine Obergrenze und setzt den geldwerten Vorteil für die Steuererklärung viel zu niedrig an. Sie begünstigt dadurch den Verkauf teurer einheimischer Premium-Automobile. In Frankreich etwa werden die fiskalischen Kosten für alle Autos jenseits von Kleinwagen und unterer Mittelklasse rasch prohibitiv, so dass Premium-Firmenautos selbst für Vorstandsvorsitzende eine schmerzhafte Übung sein können.

Fazit und summa summarum: Dienstfahrzeuge stellen in Deutschland einen massiven zusätzlichen effektiven Lohnbestandteil dar, heute nicht mehr nur für leitende Angestellte und für Außendienstler. Sie begünstigen die höheren Einkommensbezüger und die Vermögenden zulasten derjenigen ohne Dienstfahrzeug. Die fiskalische Begünstigung ist beim Mercedes für 120’000 Euro viel höher als beim BMW für 50’000 und erst recht beim VW Golf für 25’000 Euro und damit progressiv.

Dienstfahrzeuge haben auch eine Bedeutung für die Erklärung der Vermögensunterschiede. Die unteren Vermögensklassen haben als wichtigstes oder wichtiges Aktivum das Auto. Das ist eine miserable Investition mit hohen jährlichen Wertverlusten. Die hohen Vermögen und Einkommen können auf Fahrzeuge zurückgreifen, die in den ersten Jahren noch viel höhere Wertverluste aufweisen – Premium-Automobile. Sie können diese Wertverluste aber umgehen, indem sie der Steuerzahler indirekt Jahr für Jahr voll oder teilfinanziert.

Die beiden am Anfang vorgestellten Ansätze für die Vermögensdifferenzen leiden denn auch unter der Nicht-Berücksichtigung dieser Vermögenseffekte. Die Reallohnkurve für Deutschland zu Beginn des Artikels, welche eine Stagnation seit den frühen 1990er Jahren anzeigt, dürfte nicht die ganze Realität widerspiegeln. Sie bezieht sich nur auf die ausbezahlten Nettolöhne. Früher lag der Anteil privater Neuzulassungen von Fahrzeugen viel höher, war dominant, heute sind sie Minorität. Die Ausdehnung des
Dienstwagen-Anteils mit der Finanzierung des privaten Autokonsum durch den Arbeitgeber respektive indirekt durch den Steuerzahler über längere Zeiträume, auch gerade in den 2010er Jahren, sorgt für einen vom Bundesamt für Statistik unterschätzten Reallohnzuwachs. Was im Gegenstück sicher zugenommen hat, noch mehr als in der Statistik, ist die Lohnspreizung.

Auch der zweite Ansatz für die enormen Vermögens-Diskrepanzen ist davon tangiert. Deutschland ist keineswegs ein Wohlfahrtsstaat speziell für die unteren Vermögen, sondern vor allem für höhere und sehr hohe Einkommens- und Vermögensgruppen, entgegen der landläufigen Meinung.

Anhand dieses Beispiels wurde gezeigt, dass steuerliche Regeln die Einkommens- und Vermögensdiskrepanzen erheblich akzentuieren. In den folgenden Artikeln wird es noch um ganz andere Summen gehen, welche implizit oder indirekt umverteilt werden – von unten und der Mitte nach ganz oben.

Herausgeber und Chefredakteur haben mich gebeten, möglichst konkrete Handlungsempfehlungen für die Vermögensanlage der Leser zuzufügen. Aus Erfahrung tue ich das nur ungern. Im Fall der Autos ist das jedoch eine einfache Sache: Es gilt unter allen Umständen, den horrenden Wertverlust von Neuwagen gleich welcher Preisklasse zu vermeiden. Genau das Gegenteil dessen, was die meisten Zeitgenossen zeigefreudig anstreben.

Das kann bedeuten, einen Dienstwagen anzunehmen, wobei auch dort ein Opel oder Ford keine schlechte Wahl darstellen. Für private Fahrzeug-Käufer gilt es, sich auf gute, solide Gebrauchte, die einen großen Teil der Wertverluste hinter sich und statistisch wenig Mängel nach 9 oder 11 Jahren haben, zu fokussieren. Alle Services beim Fachmann immer lückenlos dokumentiert sind eine Selbstverständlichkeit. Auf Status-Symbole ist unter allen Umständen zu verzichten, sie generieren nur viel höhere Wertverluste.

Schließlich ist zu überlegen, ob ein Fahrzeug-Kauf überhaupt angestrebt werden soll. Die Karre steht 23 Stunden am Tag in der Garage oder auf dem Parkplatz. Den öffentlichen Verkehr oder das Fahrrad vorzuziehen, ist auch aus gesundheitlichen Gründen überlegenswert. Für Ferien, Ausflüge, Wochenenden, Transporte kann auch ein angepasstes Mietfahrzeug adäquater sein, für überraschende dringende Transporte ein Taxi. Schließlich betrifft dies nicht nur die Fahrzeug-, sondern auch die Wohnortswahl. Lange Distanzen zum Arbeitsort sind zu vermeiden, ebenso die Absenz von öffentlichen Transportmitteln für den Alltag.