Die Armut der Deutschen ist eine schwere Bürde für die Zukunft des Landes

Deutschland ist angeblich ein reiches Land – aber die meisten Deutschen verfügen über kein oder nur ein sehr bescheidenes Vermögen. Eine Welle der Altersarmut rollt auf breite Schichten der Gesellschaft zu. Eine Analyse.

Eine Welle der Altersarmut rollt auf Deutschland zu. (Foto: dpa)Eine Welle der Altersarmut rollt auf Deutschland zu. (Foto: dpa)

Deutschland gilt als reiches Land. Aber die meisten seiner Bewohner sind alles andere als wohlhabend. Fast die Hälfte aller Haushalte oder erwachsenen Personen hat kein nennenswertes Vermögen, ein weiteres Viertel verfügt nur über einen sehr bescheidenen Wohlstand. Das Vermögen ist bei den obersten 1 beziehungsweise 10 Prozent konzentriert, ähnlich wie in den Vereinigten Staaten. Der Befund ist eindeutig und unbestritten, die Interpretation divergiert in gegensätzliche Richtungen.

Die enorme Ungleichheit schafft erhebliche soziale Probleme für eine alternde Gesellschaft. Nicht nur die ungleiche Einkommensverteilung, sondern auch die sehr unterschiedlichen Anlagerenditen und Steuern sowie weitere Faktoren wie die Ausgaben sorgen für eine soziale Kluft und darüber hinaus für eine Ungleichheit zwischen den Generationen. Was in der Diskussion völlig vernachlässigt wird: Die Geldpolitik der EZB akzentuiert diese Ungleichheit rasant.

Die Vermögen und ihre Verteilung in einer Volkswirtschaft sind erst in jüngerer Vergangenheit Gegenstand statistisch basierter Analyse geworden. Auf internationaler Ebene spielen dabei die Notenbanken eine wichtige Rolle. Sie erfassen im Rahmen der finanziellen Berichterstattung seit Jahrzehnten jährlich die aggregierten Vermögen der Volkswirtschaft über eine breite Klasse von Aktiven. In Deutschland sammelt und veröffentlicht die Bundesbank diese Daten seit den 1950er Jahren. Die Bundesbank veröffentlicht neuerdings auch auf Umfragen basierende mikroökonomische Erhebungen und Analysen der Vermögensverteilung – im Einklang mit einer Direktive der Europäischen Zentralbank EZB. Schon länger haben das Deutsche Institut für Wirtschaft (DIW) und die Hans-Böckler-Stiftung für Deutschland Pionierarbeit geleistet und ähnlich basierte Untersuchungen vorgenommen. Sie zeigen im Grundzug sehr ähnliche Ergebnisse wie diejenigen der Bundesbank, vermitteln aber noch zusätzliche Einsichten.

Die deutschen Vermögen im Zeitraffer

Nominelles Vermögen und Verbindlichkeiten der privaten Haushalte in Deutschland in Milliarden Euro 1991-2017. (Grafik: Deutsche Bundesbank, Finanzierungsrechnung, verschiedene Jahrgänge)

Nominelles Vermögen und Verbindlichkeiten der privaten Haushalte in Deutschland in Milliarden Euro 1991-2017. (Grafik: Deutsche Bundesbank, Finanzierungsrechnung, verschiedene Jahrgänge)

Die Definition der Vermögen ist dabei im Einklang mit internationalen Gepflogenheiten nicht ganz umfassend. So sind die anwartschaftlichen Vermögen wie Altersrenten aus umlagefinanzierten staatlichen Rentensystemen und aus ähnlichen zukünftigen Leistungen nicht inbegriffen. Inhaltlich ist dies durchaus korrekt. Bei diesen Anwartschaften stellen sich nicht nur komplexe Bewertungsprobleme, sie können darüber hinaus durch Gesetzesänderungen und politische Maßnahmen leicht und ganz erheblich geändert werden. Liest man die internationale Literatur und Politikempfehlungen von ‚Experten‘ zur Umlagefinanzierung, so wird etwa unverblümt eine Kombination von Rentenreduktionen (‚Reformen‘) und erheblich gesteigerten Lebensarbeitszeiten als einzig gangbarer Weg dargestellt. Mit anderen Worten eine massive Kürzung zukünftiger Rentenleistungen.

Betrachtet man die nominellen Vermögen unter dieser Einschränkung für sich allein, so scheinen sie in Deutschland kräftig gestiegen zu sein. Sie haben sich mehr als verdoppelt und repräsentieren heute ungefähr das Fünffache des jährlichen Sozialprodukts. In der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung wird zwischen Bauland, Sachanlagen, Geldvermögen und Gebrauchsvermögen unterschieden. Geht man auf die Details der Zusammensetzung ein, so zeigen vor allem zwei Komponenten einen deutlichen Anstieg.

Das Bauland hat die höchste Wertsteigerung erfahren. In den Daten der Bundesbank ist erst seit 1999 auch das unbebaute Bauland enthalten, sodass ein Vergleich mit den vorangegangen Jahreswerten die Wertsteigerung deutlich überzeichnet. Unbebautes Bauland macht aber nur einen kleineren Teil von rund 10-15 Prozent des Bauland-Vermögens der Haushalte aus. Effektiv ist Bauland erst seit der Jahrtausendwende die am besten rentierende Aktivklasse.

Das Geldvermögen ist am zweitstärksten gestiegen. Es umfasst Bargeld und alle Formen von Bankeinlagen, Obligationen und Rentenpapieren, Aktien und Anteilscheine an Investmentfonds, darüber hinaus die Reserven von Lebensversicherungen und von betrieblichen Pensionsplänen.

Die Sachanlagevermögen und vor allem die Gebrauchsvermögen verzeichnen dagegen ein schwaches Wachstum.

Sachanlagen sind vor allem Wohnbauten – dies zu fast 90 Prozent. Darüber hinaus gehören dazu auch die Sachanlagen von Selbständigen, wenn sie Freiberufler sind oder als Personengesellschaften firmieren. Anteile an Kapitalgesellschaften dagegen werden unter den Geldvermögen aufgeführt. Zu den Wohnbauten gehören nicht nur die selbst bewohnten Häuser oder Wohnungen (Erstwohnsitze), sondern auch Zweitwohnsitze, Ferienwohnungen, Miethäuser oder-wohnungen, welche von privaten Haushalten erworben sind. Gemäß den Prinzipien der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) sind diese Immobilien ohne das Land gerechnet, welches in der Vermögensrechnung separat aufgeführt wird. Diese Sachanlagen wuchsen stark in den 1990er Jahren, als die Wohnbautätigkeit in Deutschland sehr hoch war. Seither reflektiert ihr unterdurchschnittliches Wachstum die schwache Wohnbautätigkeit der 2000er Jahre wie auch der 2010er Jahre.

Gebrauchsvermögen sind hauptsächlich Autos einerseits, Möbel-, Einrichtungs- und Haushaltgegenstände aller Art andrerseits. Diese beiden Komponenten repräsentieren je mehr als ein Drittel des Gebrauchsvermögens. Dazu kommen vor allem die in der Statistik Freizeit-Artikel genannten Gebrauchsgüter wie Fernseher, Computer, Audio- und Videogeräte, Smartphones, aber auch Kunst etc. Die Gebrauchsgüter hatten unmittelbar nach der deutschen Einheit in den Jahren 1991-95 ein starkes Wachstum, seither verzeichnen sie nur noch eine sehr geringe Zunahme. Zum einen steht dies natürlich im Zusammenhang mit der schwachen Wohnbautätigkeit seit der Jahrtausendwende, zum anderen zählt nur ein Teil der von den Haushalten benutzten Autos in der VGR zum Gebrauchsvermögen. Die individuell oder über den Arbeitgeber geleasten Autos gehören nicht den Haushalten, sondern den Leasinggebern. Sie sind nur vermietet. Der Vormarsch des Autoleasing in den letzten Jahrzehnten hat also das Wachstum dieser Komponente zusätzlich verlangsamt. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass Gebrauchsvermögen Wertverluste verzeichnen, und relativ kurze Abschreibungsfristen aufweisen.

Im internationalen Vergleich fallen zwei Beobachtungen auf: Die Zusammensetzung des Volksvermögens weicht in Deutschland markant von Ländern der gleichen Entwicklungsstufe ab. In vielen Ländern repräsentieren Immobilien 70 oder 80 Prozent des Vermögens der Haushalte gegenüber rund 50 Prozent in Deutschland. Deutschland ist ein Land der Mieter: Die Wohneigentümer-Quote liegt unter 50 Prozent der Haushalte. Demgegenüber ist der Anteil der Geldvermögen in Deutschland sehr hoch. Diese sind zudem noch recht speziell investiert, mit einem sehr hohen Anteil von zinstragenden Aktiven, dies direkt und indirekt etwa über die Anlagen der Lebensversicherungen.

Die Vermögen in Deutschland wachsen langsam und sind sehr ungleich verteilt

Den Komponenten des Bruttovermögens ist auch die Verschuldung der Haushalte gegenüberzustellen: Diese ist in Deutschland umgekehrt im internationalen Vergleich niedrig. Die Verschuldung der Haushalte nahm in den 1990er Jahren rasch zu, seither stagniert sie in nominellen und nimmt in realen Größen oder in Relation zum Bruttoinlandsprodukt ab. Die Verschuldung der Haushalte konzentriert sich in Deutschland auf die Hypotheken, die ungefähr 70 Prozent erreichen. Den Rest machen Konsumkredite und die Geschäftskredite der Selbständigen aus. Die geringe Zunahme der Verschuldung reflektiert die Tatsache, dass der Erwerb von Wohneigentum seit der Jahrtausendwende schleppend war.

Wenn nicht die nominellen, sondern die realen Vermögen betrachtet werden, dann relativiert sich die oberflächlich kräftige Zunahme über die letzten 30 Jahre erheblich. Zu diesem Zweck wird das Nettovermögen aller Haushalte mit dem Verbraucherpreisindex (VPI) deflationiert. Die reale Entwicklung der totalen Nettovermögen (Bruttovermögen minus Verschuldung) ist in der Grafik abgebildet (rote Kurve). Die Zunahme ist dann weit schwächer. Zwischen 1991 und 2017 haben sich die realen Vermögen in Deutschland nicht einmal verdoppelt. Die Wachstumsraten (Gelbe Balken) sind dabei periodenspezifisch sehr unterschiedlich. Einem noch kräftigen Wachstum in den 1990er Jahren steht ein schwaches Wachstum in den 2000er Jahren und ein erhöhtes Wachstum seit 2012 gegenüber.

Reales und nominelles Nettovermögen der Haushalte in Deutschland in Milliarden Euro. (Grafik: Daten Bundesbank, eigene Berechnung)

Reales und nominelles Nettovermögen der Haushalte in Deutschland in Milliarden Euro. (Grafik: Daten Bundesbank, eigene Berechnung)

Die Zunahme der Vermögen ist im internationalen Vergleich weit unterdurchschnittlich. Der Eindruck einer ungenügenden Entwicklung der Nettovermögen verdichtet sich, wenn diese international verglichen werden. Deutschland hat im internationalen Vergleich ein eher niedriges durchschnittliches Haushaltsvermögen pro Kopf (Blaue Balken in der Grafik).

Nettovermögen pro erwachsene Person in US-Dollar im internationalen Vergleich (2017). (Grafik: Credit Suisse, eigene Berechnung)

Nettovermögen pro erwachsene Person in US-Dollar im internationalen Vergleich (2017). (Grafik: Credit Suisse, eigene Berechnung)

Viel aussagekräftiger als der Durchschnittswert, der von Spitzenwerten an den Rändern beherrscht sein kann, ist aber der Median (rote Balken). Der Medianwert teilt die Gesamtheit der erfassten Personen in der Mitte, er bildet so etwas wie den Durchschnittsbürger ab. Und da fällt Deutschland weit ab und findet sich am untersten Ende der Rangliste der fortgeschrittenen Industrieländer. In dieser Hinsicht steckt Deutschland in einer Gesellschaft mit den USA, mit Österreich oder mit Schweden.

Die Grafik ist aber noch diskussionsbedürftiger. Die Daten können als soweit korrekt angesehen werden, wie es der Komplexität der Materie entsprechend möglich ist. Die Credit Suisse stützt sich bei ihrer Analyse auf die von den Zentralbanken dieser Länder und deren nationalen Statistikämtern publizierten Daten. Eine ähnliche Charakteristik der Ergebnisse zeigt eine Übersicht der Europäischen Zentralbank für 2013, welche die Daten für die Eurozone erfasst Natürlich spielen in dieser Grafik Umrechnungskurse der Währung etc. eine Rolle – das ist bei weltweiten Vergleichen unvermeidlich. Der Reichtum der Schweizer ist beispielsweise auch der historisch einmaligen Frankenstärke zuzuschreiben. Würde man mit Kaufkraftparitäten rechnen, wäre es mit dem außergewöhnlichen Reichtum schnell vorbei, der Wert läge dann um einiges näher beim Durchschnitt aller Industrieländer.

Die Ursachen: Regionales Gefälle, Wohneigentum, Haushaltstatus

Für Deutschland ist umgekehrt ein ganz massives regionales Gefälle zwischen Ost und West hervorzuheben. Würde man nur die alten Bundesländer allein heranziehen, wäre man deutlich näher bei den anderen Industrieländern. Gesamtdeutsche Daten drücken den Durchschnittswert wie auch besonders den Median ganz erheblich und verzerren beide Werte nach unten. Für diesen Befund kann man sich auf die 2016 publizierten Daten der Deutschen Bundesbank für das Jahr 2014 abstützen. Die Bundesbank weist folgende Werte aus, dies pro Haushalt, nicht pro Erwachsenen:

Nettovermögen der deutschen Haushalte nach verschiedenen Kriterien. (Grafik: Deutsche Bundesbank, PHF 2014, Datenanhang, Monatsbericht, März 2016)

Nettovermögen der deutschen Haushalte nach verschiedenen Kriterien. (Grafik: Deutsche Bundesbank, PHF 2014, Datenanhang, Monatsbericht, März 2016)

Die Daten sind der 2016 veröffentlichten Studie Private Haushalte und ihre Finanzen (PHF) entnommen und beziehen sich auf das Jahr 2014. Die Daten sind deshalb schon etwas veraltet, sind aber absolut charakteristisch und geben in der Tendenz die heute gültigen Werte bzw. Relationen immer noch korrekt wieder.

Zwei Dinge dabei sind aber dazu zu bemerken:

Zum einen hat die Deutsche Einheit eine regional konzentrierte Bevölkerung mit ursprünglich sehr niedrigem Wohlstandsniveau hinzuaddiert, was als Partialeffekt in solchen Untersuchungen Durchschnittswert und Median absenkt. In vielen Immigrationsländern, zu denen Deutschland bisher nicht gehört, spielt dieser Mechanismus aber in ähnlicher Weise. Denn in den meisten Ländern sind Immigranten anfänglich zumeist arm und mittellos. In Spanien ist etwa die Bevölkerung in den letzten 20 Jahren von 40 auf rund 47 Millionen angestiegen – fast ausschließlich durch Immigration. In der Schweiz spielt dies mit einer Riesen-Immigration in den letzten 20 Jahren ebenfalls, ebenso in Irland, und zum Teil in Italien, dem Vereinigten Königreich, in Schweden, in Österreich oder den USA usw.

Zum anderen ist der ‚Westen‘ in Deutschland alles andere als homogen. Die Bundesbank unterscheidet bei ihren Zahlen zwischen drei Regionen, die ein erhebliches Gefälle aufweisen. Die Haushalte in den drei Bundesländern Bayern, Baden-Württemberg und Hessen (Region 2, Süddeutschland) haben ein Median-Vermögen, das doppelt so hoch ist wie dasjenige in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Saarland (Region 3 / Südwestdeutschland ) und fast doppelt so hoch wie in Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen (Region 3, Norddeutschland).

Einen Hinweis für diese Vermögensunterschiede liefert die Unterscheidung zwischen Wohnungseigentümern mit oder ohne Hypothekarschulden und Mietern. Auf einen kurzen Nenner gebracht haben Mieter ein sehr geringes durchschnittliches und im Median praktisch kein Vermögen. Hauseigentümer dagegen haben ohne und mit Hypothekarschulden ein fast zehnfaches bzw. sechsfaches durchschnittliches Vermögen und im Median mehr als 20 beziehungsweise 10 Mal so viel wie Mieter.

Die Erklärung für diese regionalen Unterschiede umfasst also zwei Komponenten. Die drei Bundesländer haben eine weit überdurchschnittliche Wachstumsdynamik aufgrund ihres Branchen-Mix. Es sind aber zusätzlich Bundesländer mit hohem Anteil von Wohneigentum (‚Schaffe, schaffe, Häusle bauen‘). Wohneigentum ist ein zentrales Kriterium, um die Habenichtse von den Wohlhabenden zu unterscheiden. Das ist überspitzt formuliert, stellt aber die Realität dar.

Der Vergleich zwischen Wohneigentümern mit und ohne Hypothek erklärt auch zu einem erheblichen Teil, warum vor allem ältere Haushalte das Vermögen auf sich konzentrieren. In Deutschland ist es typisch, dass Haushalte ein Haus oder eine Wohnung erwerben und dafür mehrheitlich, häufig bis zu 80 Prozent der Kaufsumme, eine Hypothek in Anspruch nehmen. Die Hypothek hat normalerweise eine lange Laufzeit von 15-30 Jahren, innerhalb deren Zeitraum sie amortisiert werden muss. Sie ist typischerweise mit einem fixen Zinssatz versehen, während in vielen anderen Ländern variable oder flexible Sätze zur Anwendung kommen. Im Unterschied zu anderen Ländern, vor allem mit Abzugsmöglichkeit der Hypothekenzinsen bei den Einkommenssteuern, wird sie in Deutschland zumeist nicht wieder aufgestockt, wenn die Immobilienpreise gestiegen sind. Immobilienbesitz offeriert somit nicht nur eine freiere Wahl der individuellen Wohnpräferenz. Sie ist vor allem auch ein wichtiger Teil der Altersvorsorge und dient weniger der Finanzierung des laufenden Konsums durch die Entnahme von Eigenkapital aus dem Haus oder Wohnung. Darum haben ältere Haushalte, welche ihre Hypothek bereits abbezahlt haben, ein wesentlich höheres Nettovermögen als solche mit Hypothek.

Ein zweiter Faktor, der die Konzentration der Vermögen bei den älteren Haushalten zwischen 45 und 65 Jahren erklärt, bezieht sich auf die demografische Situation bzw. den Haushaltstyp in Verbindung mit der Einkommensentwicklung. Typischerweise sind dann die Kinder ausgeflogen und die Ausgaben für den Haushalt bilden sich entsprechend zurück, während die Einkommen noch hoch bleiben. Die überragende Bedeutung von Kindern und sozialem Status wird auch aus den zusätzlichen Daten ersichtlich:

Nettovermögen der deutschen Haushalte in Euro nach Alter und Haushaltstyp. (Grafik: Deutsche Bundesbank, PHF 2014, Datenanhang, Monatsbericht, März 2016)

Nettovermögen der deutschen Haushalte in Euro nach Alter und Haushaltstyp. (Grafik: Deutsche Bundesbank, PHF 2014, Datenanhang, Monatsbericht, März 2016)

 

 

Alleinerziehende und Paare ohne Kinder sind die Antipoden. Wer keine Kinder, aber zwei Einkommen hat, kann durchaus ein ansehnliches Vermögen aufbauen. Die Alleinerziehende Frau mit Kindern landet rasch bei Hartz IV. Die Studien der Bundesbank sowie des Deutschen Instituts für Wirtschaft offenbaren beide: Die Vermögen der Haushalte in Deutschland sind extrem ungleich verteilt. Der Immobilienbesitz ist das wichtigste Kriterium für den Vermögensstand.

Rund 40 Prozent der Haushalte haben praktisch kein Vermögen. Weitere 20 Prozent haben ein sehr geringes Vermögen von durchschnittlich etwas über 60.000 Euro. Signifikante Vermögen ergeben sich erst für das vierte Quantil (60-80 Prozent der Haushalte) von durchschnittlich rund 180.000 Euro. Dort setzt auch der Immobilienbesitz ein. Die obersten 10 Prozent haben über 60 Prozent des Gesamtvermögens aller Haushalte. Für diese obersten 10 Prozent, und nur für sie, ist über den Immobilienbesitz hinaus das Betriebsvermögen ein wichtiger Bestandteil des Gesamtvermögens.

Vermögen und Schulden in Tausend Euro. (Grafik: Deutsche Bundesbank, PHF 2014, Monatsbericht März 2016)

Vermögen und Schulden in Tausend Euro. (Grafik: Deutsche Bundesbank, PHF 2014, Monatsbericht März 2016)

Die in dieser wie in den meisten Studien verwendete Methodologie des Mikrozensus repräsentativer Personen oder anderer Bevölkerungserhebungen unterschätzt das wahre Ausmaß der Ungleichheit noch. Zieht man andere Quellen wie die Vermögensschätzungen sehr großer Vermögen durch Reichenlisten in Betracht, so ergibt sich ein Bild einer Vermögensverteilung wie in den Vereinigten Staaten. Rund 1 Prozent aller Haushalte dürften gemäß der Studie des DIW von 2016 einen Drittel allen Vermögens auf sich konzentrieren – und 45 Milliardäre allein haben einen Sechstel. 10 Prozent der Haushalte konzentrieren zwischen 63 und 74 Prozent der Vermögen auf sich.

Fazit

Die Vermögensungleichheit ist in Deutschland extrem ausgeprägt. Vor allem die Tatsache, dass große Gruppen der Haushalte überhaupt kein oder ein sehr geringes individuelles Vermögen haben, setzt die Last scheinbar allein auf das staatliche Rentensystem und andere Wohlfahrtsstaatliche Einrichtungen.

Das ist, wie zu zeigen sein wird, eine massive gesamtwirtschaftliche und gesamtgesellschaftliche Hypothek für die Zukunft. Deutschland ist nicht ein Entwicklungs- oder Schwellenland mit einer sehr jungen Bevölkerung, die zwar nichts besitzt, aber vor dem gesamten Arbeitsleben steht. Es ist eine rasch alternde, um nicht zu sagen künftig überalterte Gesellschaft mit einer weltweit verglichen sehr ungünstigen Demografie.

Sicher üben die ungleichen Einkommen einen maßgeblichen Einfluss aus. Doch allein mit der Ungleichheit der Einkommen ist diese extreme Ungleichheit der Vermögen nicht erklärbar. Natürlich spielt der Sozialstaat eine Rolle, der für Lohnempfänger einfach Sozialabzüge und stark reduzierte Nettolöhne bedeutet. Ein Wohlfahrtsstaat nimmt die Doch dies ist in vielen anderen Ländern ebenso der Fall, es kann die extreme Verteilung nicht erklären.

Zusätzlich eine wichtige Rolle spielt die Art und Weise, wie spezifisch im internationalen Vergleich und wie unterschiedlich innerhalb Deutschlands die Vermögen der Deutschen auf die verschiedenen Anlageklassen angelegt sind. Große Teile der Vermögen des Durchschnitts-Deutschen werfen über lange Zeiträume hinweg niedrige und im Extremfall sogar negative Erträge ab. Dafür verantwortlich ist unter anderem die Art und Weise, wie diese besteuert werden. Darüber hinaus spielt das Wirtschafts- und Steuersystem insgesamt eine Rolle –mit dem Altersvorsorgesystem und dem Immobilienmarkt an prominenter Stelle.

In einer dynamischen Betrachtung verschärft die EZB-Politik diese Ungleichheit massiv und rasch. Wer keine Immobilien oder Aktien oder schwergewichtig in Aktien investierende Investments-Fonds hat, wird durch die Tiefzinspolitik und durch die Anleihe-Kaufprogramme bestraft, durch negative reale Erträge auf Bargeld oder Bankguthaben, und durch mickrige Erträge bei Lebensversicherungen.

Immobilienbesitzer hingegen profitieren durch die rekordtiefen Sätze und durch einen Komplex von Faktoren, der spezifisch in Deutschland die Mieten in enorme Höhen befördert. Dabei spielen das Steuersystem und Anlagevorschriften die Rolle eines sekundären Verstärkers.

Zwei Dinge kann man dem Durchschnitts-Deutschen Habenichts nicht vorwerfen. Er ist nicht überschuldet, weil er lange zu viel konsumiert hat, wie dies vor allem in angelsächsischen Ländern längst etabliert ist. Gerade bei den niedrigen Vermögen ist der Schuldendienst (Zins plus Amortisation) auch in Bezug zum Nettoeinkommen in Deutschland sehr niedrig. Und es ist nicht so, dass dieser Habenichts auf der faulen Haut liegt. Sondern er kann auch bei voller Beschäftigung bis zur Pensionierung einfach nicht auf einen grünen Zweig kommen, vor allem wenn er noch Unerhöhrtes wie einen Kinderwunsch realisiert hat.

Es ist ein komplexes Bild, das mit der offiziellen Propaganda, dass es den Deutschen besonders gut geht, grell kontrastiert. In der folgenden Artikelserie sollen wichtige und in der Öffentlichkeit wenig bekannte oder prominent genannte Punkte in den Details dargestellt werden. Die wichtigen Vermögensklassen und ihre Erträge und Besteuerung einerseits, die wichtigen Ausgabenpositionen der Haushalte andrerseits.